Die Angst ist ein dicker Hund

Solange politische Entscheidungen von Angst geleitet werden, bleibt die Schreckstarre. Für Mut und mehr Hirn plädiert Bernd Kegel

Viertel-Nr. 30 - Foto: Martin Speckmann
Foto: Martin Speckmann

Die Misere ist da. De Maizière ›auf gutem Wege‹. Die Angst hat ihre Schuldigkeit getan. An den Grenzen herrscht Ordnung. Die Würde des Menschen ist verlässlich in die Zweitrangigkeit verbannt. Der besorgte Bürger kann ruhig schlafen. Bis die nächste Angst kommt. Bis der nächste dicke Hund durchs Land gejagt wird. Bis das nächste Mal Angst gemacht wird.
»Der dicke Hund ist das Totemtier der Journaille«, hat Karl Kraus gesagt. Doch da müssen wir nicht alle mitmachen. »Man muss Angst haben«, heißt es wie ein Mantra. Allerorten. Nach ›Köln‹. Nach ›den Silvester-Ereignissen‹. ›Nach Brüssel‹ gilt Angst als Bürgerpflicht. Auch Bielefeld hat seine ›Ereignisse‹: das Stichwort lautete ›Boulevard‹.
Vielleicht ist es an der Zeit, über die Angst selbst nachzudenken. Statt das Spiel des Boulevard-Journalismus mitzumachen: Wegen des Boulevards zum Beispiel: Jener Partymeile im Viertel, die sich so global gibt. Mit ihren 170 Metern vom Ostwestfalen-Damm bis zum Europaplatz, bis hin zum Badetraum von 1001 Nacht. Da sollten nach den ›Ereignissen‹ Kameras installiert werden. Der Angst wegen.
Nichts geschah. Nachdem sich ein paar wild gewordene Männertrupps gegenseitig verdächtigt haben, getarnt als Bürgerwehren, die sich gegenseitig verkloppten. Nachdem die Polizei sich frustriert gab, weil wegen des ›schlechten Wetters‹ nicht allzu viel los gewesen sei, auf dem Boulevard; weswegen nur einige Randalierer ins Netz gingen, die in die Ausnüchterungszelle mussten und deren Nationalität nicht genannt wurde; und zwei Handydiebe, die im weiteren Umfeld gefasst wurden, deren Nationalität durchaus genannt wurde; weil sie nicht zu den Deutschen zählten, sondern zu denen, vor denen Angst gemacht worden war. Nach alledem hat sich herausgestellt, dass keine Kameras aufgestellt werden können. Da Bielefeld zu den sichersten Städten der BRD zählt. Also zu einer der sichersten einer Welt, in der Menschen von Terror und Entbehrungen heimgesucht werden. Tagtäglich, die aber nicht hierher kommen sollen. Weil hier die Angst herrscht.
Der besorgte Bürger bekommt leicht Angst. Rein anatomisch gesehen gerät bei ihm der Sympathikus leicht ins Flattern. Auch der Mandelkern – die Amygdala, der Teil des Gehirns, das als ›Angstzentrum‹ bezeichnet wird, gilt ihm als Alibi. Andererseits hat die Evolution auch ihm als Menschen die Möglichkeit zu wachsen gelassen, sich seiner Affekte bewusst zu werden. Sie anders in den Griff zu nehmen, als es beispielsweise dem Opossum gelingt. Dem bleibt nur die Schockstarre. Trotzdem ist kein Fall bekannt, in dem ein Opossum angefangen hätte, zu grölen und zur Hetze gegen andere Opossums aufzurufen.
Der besorge Bürger sieht sich dem Opossum überlegen. Da hat er keine Angst. Der besorge Bürger hat Angst vor Schwulen, Europa, Lesben im Kirchenchor, zu viel Fremdem und Wiederholungen im Fernsehen. Angst um Morgen, Angst ums Abendland, und – Petri Heil! –, die Endlösungen scheinen nahe, bis ins offen Rassistische hinein. Dabei ist unser Gehirn zu mehr in der Lage. Es kann andere Affekte ausbilden: zum Beispiel den Ekel. Der immerhin zu dem führen konnte, was die Existenzialisten als Lösung vorgeschlagen haben: zur Solidarität miteinander.
Dazu taugen kaum die Reaktionen der lokalen Presse: die die Nennung der Nationalitäten, wie sie die Polizei vorschrieb, unredigiert übernimmt und – presserechtswidrig, ›natürlich‹ nennt. Dass das großmäuligste der Boulevardblätter nach Brüssel titelt: »Wir sind im Krieg!«

Wenn die Signale ertönen

Das Gehirn, trotz Amygdala, kann Gedanken entwickeln über diese Angst in Alltag und Medien, wie da Methoden und Muster zusammengehören. Krise ist, Krise war immer, das ist klar, und auch Angst war immer: ob ›german angst‹ oder Sorgen. Sie wird produziert. Sie liegt nicht in der Natur. Denn den Menschen bringt sie verlässlich dazu, weniger Fragen zu stellen. Den Kopf nicht mehr zu erheben, um Witterung aufzunehmen: Woher der Wind tatsächlich weht. Wer da sein Süppchen kocht. Welchen Profits wegen. Wie die Medien in Stellung gehen, wenn die entsprechenden Signale ertönen.
Statt Angst lässt sich auch Mut machen: Wir sind in Selbstoptimierung bestens aufgestellt, eingeübt, geben viel Geld dafür aus. Da müsste es wohl gelingen, sich auch mental in Schuss zu bringen. In Sachen Zivilcourage. Kein Angsthase zu werden. Laut zu werden. Um die, die Angst machen wollen, totzulachen. Um glauben zu können, dass auch gute Nachrichten gute Nachrichten sind. Das ist des Mandels Kern: Angst machen ist feige, Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst essen Seele auf. Und hinterher will es sowieso wieder keine(r) gewesen sein!