Boomtown Bielefeld

Die Stadt plant einen größeren Campus und neue Wohnviertel in Uni-Nähe. Das wird Folgen für den Bielefelder Westen haben, hat Bernhard Wagner herausgefunden

Viertel-Nr. 32 - Foto: Martin Speckmann
Foto: Martin Speckmann

Jahrelang hatten Demographen eine schrumpfende Stadt prognostiziert. Jetzt versprechen neue Zahlen der NRW-Bank einen regelrechten Boom. Keine Frage: Die Stadt muss auf die bestehende Wohnungsnot und den Zuzug mit einem Entwicklungskonzept reagieren. Unter dem Stichwort Wissenschaftsstadt Bielefeld schießen seitdem Strategien, Pläne und Visionen ins Kraut. Eine neue Umgehungsstraße, die Nordtangente, ein komplett neuer Stadtteil, Gewerbeflächen, Ansiedlung von Instituten oder gar eine Ausweitung des Uni-Campus bis Werther und Steinhagen sind nur einige Stichworte.
Doch wie stark ist der Boom wirklich? Die Prognosen gehen weit auseinander. Während die NRW-Bank bis 2045 von 29.000 Neubürgern ausgeht, kommt die Demographiebeauftragte der Stadt, Susanne Tatje, auf deutlich geringere Zahlen. Zusammen mit den Experten vom IT NRW (früher Landesamt für Statistik) attestiert sie Bielefeld mit 7.000 Personen im gleichen Zeitraum ein Wachstum, das deutlich moderater ausfällt.

Bürger machen mobil

Vor allem Bürgerinnen und Bürger der betroffenen Siedlungen rund um die Universität machen sich Sorgen, was aus ihrem Stadtteil werden soll. 200 von ihnen versammelten sich Ende September auf Einladung der Initiative ›Bielefeld Natürlich‹ im Pappelkrug. Die Gruppe unter dem Dach des Vereins Pro Grün beklagt mangelnde Information durch die Stadt und hat angefangen, auf eigene Faust den Sachstand zu ermitteln.
Im Pappelkrug hat niemand etwas gegen Stadtentwicklung, Campuserweiterung und Wohnungsneubau einzuwenden. Allerdings wird eine Bürgerbeteiligung vehement eingefordert und für kleinere Seitenhiebe gegen Verwaltung und Politik ist den Rednern Beifall sicher. Aktivist Alexander Brandt bemängelt etwa, dass Pro Grün aus Arbeitsgruppen herausgehalten wird. Dabei ist in dem gemeinnützigen Verein durchaus Sachverstand versammelt. Auch Vorsitzender Michael Blaschke will die Stadtentwicklung nicht bremsen, möchte aber Alternativen zu übermäßigem Flächenverbrauch geprüft sehen, etwa die Bebauung der bisher freigehaltenen Trasse für die Schnellstrasse B66 im Bielefelder Osten, die mittlerweile aus den Planungen gestrichen wurde, oder die Nutzung von Industriebrachen.
Bei der Stadtverwaltung kann man die Aufregung nicht recht nachvollziehen. »Bislang ist noch nicht eine einzige Entscheidung getroffen worden«, sagt Gisela Bockermann vom Presseamt. Momentan gehe es nur um langfristige Strategien und Ideen zur Stadtentwicklung. Nach einem Einstieg in konkrete Planungen soll es auch eine Bürgerbeteiligung geben.

Vorentscheidung durch Stadtbahnverlängerung

Zurzeit wird nur über ein konkretes Vorhaben in den politischen Gremien entschieden: Die Verlängerung der Linie 4 vom Lohmannshof bis zur Dürerstraße / Schloßhofstraße. Aber gerade darin sieht ›Bielefeld Natürlich‹ eine Vorentscheidung. Alexander Brandt kann im Pappelkrug nachvollziehbar darstellen, dass die zwei zusätzlichen Haltestellen nördlich der FH und an der Dürerstraße wenig Sinn ergeben. Einstweilen verläuft die neue Trasse weitgehend übers freie Feld und das derzeitige Fahrgastpotential rechtfertigt kaum die Baukosten von etwa 14 Millionen Euro. Sinn macht die Verlängerung nur, wenn am Ende der Schloßhofstraße weiter in die Landschaft gebaut wird. ›Bielefeld Natürlich‹ befürchtet daher, dass über die Stadtbahn die Erschließung eines Großteils des westlichen Stadtrandes vorbereitet wird. »Das Argument der Zukunft wird sein, dass es Bebauung braucht, um diese im Nachhinein besser auszulasten«.
Für den Bielefelder Westen heißt das nichts Gutes. Der Verkehr zur Uni und zu den westlich gelegenen Wohngebieten verläuft schon jetzt über die völlig überlastete Stapenhorststraße oder eben durch die engbebauten Wohngebiete des Westens, um dann über die Schloßhofstraße abzufließen.

Noch mehr Verkehr durch den Bielefelder Westen

Ein vernünftiges Konzept für die Verkehrserschließung der neuen Baugebiete gibt es nicht. Zwar verweist Jens Julkowsky-Keppler vom Stadtentwicklungsausschuss auf die gute ÖPNV-Anbindung. Ein Förderprogramm soll zudem den Fahrradverkehr von derzeit 15 Prozent am Verkehrsaufkommen auf 25 Prozent im Jahr 2025 steigern. Auch über einen Fahrradschnellweg zur Universität denkt der grüne Politker nach. Aber wohin mit dem restlichen Autoverkehr? Julkowsky-Keppler kann sich Verkehrslenkungsmaßnahmen vorstellen. Das fordern Anwohner von West- oder Schloßhofstraße schon lange. So könnte etwa der direkte Zugang von der Ostwestfalendamm-Abfahrt in die Weststraße gesperrt werden, indem einfach die Geradeausspur gestrichen wird. Doch bisher stellte sich die Verwaltung gegenüber solchen Forderungen stur.