Helden der Nacht

Wenn es um 1.000 Arbeitsplätze geht, berichten Zeitungen für gewöhnlich. Geht es um Zeitungszusteller, ist keine Zeile darüber zu lesen. Von Silvia Bose

Viertel-Nr. 31 - Foto: Martin Speckmann
Anke Sprotte auf dem Weg durch die Nacht. (Foto: Martin Speckmann)

Anke Sprotte hat fast 30 Jahre Zeitungen ausgetragen. Eine Heldin der Nacht. Jeden Morgen ist sie um halb drei losgezogen. Bei Wind und Wetter. Auf ihrer Karre manchmal ein Zentner ›Neue Westfälische‹, ›Westfalen-Blatt‹ und überregionale Blätter. Viele Jahre hat sie im Bielefelder Westen ausgetragen. Diese mit 250 Zeitungen gute Tour ist Anke Sprotte seit April los. Denn die NW hat ihrer Tochter NW Logistik den Auftrag für diesen Bezirk gekündigt und ihn an eine ebenfalls eigene, vor zwei Jahren gegründete NW Medien-Service-Gesellschaft (NW MSG) vergeben. Kein Einzelfall. »Die liquidieren uns«, sagt Sprotte, die mal 1.100 Kollegen in der NW-Logistik hatte. Jetzt sind es noch gut 200.

»Vergiftetes Angebot«

Der Verlag hat drei neue Gesellschaften gegründet – Nord für die Kreise Herford und Minden-Lübbecke, Mitte für Bielefeld und Süd für den Kreis Gütersloh. Durch diesen Schritt sei man näher an den Anzeigenkunden. Außerdem überwinde man das ungerechte Stücklohnmodell, in dem vor allem Zusteller in Gegenden mit großer Abodichte gut verdienten. »Die Zusteller verdienen in den neuen Gesellschaften erheblich mehr und wechseln deshalb gerne«, sagt NW-Geschäftsführer Klaus Schrotthöfer.
Die NW MSG zahle schon seit Januar 2015 den Mindestlohn von 8,50 Euro. Dabei sei der für Zusteller erst im Jahr 2017 vorgeschrieben. Sie kämen mit 10 Prozent Nachtzuschlag sogar auf einen Stundenlohn von 9,35 Euro. Und dann gebe es noch eine Woche Urlaub mehr. »Fest steht, dass kaum ein Verlagshaus in Deutschland derzeit ein so attraktives Vergütungsmodell für Zusteller anbietet, wie die NW«, sagt Schrotthofer. »Dafür nimmt unser Unternehmen auch Mehrkosten in Millionenhöhe in Kauf.«
Diese Rechnung und das Angebot zum Wechsel in die NW MSG wischt Betriebsrat Dietmar Hölscher mit einem kernigen »Blödsinn« vom Tisch. »Das ist ein vergiftetes Angebot, wenn man das ganze Jahr betrachtet.« Dank Betriebsvereinbarungen gibt es bei der NW Logistik einen Nachtzuschlag von 25 Prozent und eine »Jahresleistung« von 40 Prozent. Dieser einmal im Jahr zusätzlich gezahlte Anteil eines Monatsgehalts fällt bei den neuen Gesellschaften in den ersten drei Jahren weg, steigt dann nur langsam – und erreicht selbst nach zwölf Jahren nur 30 Prozent. »Kollegen mit alten Verträgen haben schon sechs Wochen Urlaub. Die anderen haben sich von der Woche Urlaub locken lassen, die weniger wert ist als die Jahresleistung«, sagt Hölscher. Inzwischen seien auch einige Kollegen in den neuen Gesellschaften wach geworden, hätten aufs ganze Jahr gerechnet und bereuten jetzt den Wechsel.
Der kam für Anke Sprotte nicht in Frage. Gezwungen werde dazu auch niemand, versichert Schrotthofer. Nachdem Sprotte ihren Bezirk im Bielefelder Westen verloren hatte, konnte sie sich entscheiden zwischen einem Aufhebungsvertrag mit einer Abfindung von 3.500 Euro und einem neuen Bezirk in Brake mit nur 100 Zeitungen. »Was ist das für eine Wahl?«, fragt Sprotte. »Da würde ich nur noch 230 Euro im Monat verdienen. Bisher waren es 470 Euro. Wenn Prospekte dazukamen oder Feiertage waren es sogar 700 Euro.« Sie hat beide Angebote abgelehnt. Wie es weitergeht, wird im Juni ein Gütetermin im Arbeitsgericht Bielefeld zeigen (nach Redaktionsschluss).

Streit ohne Ende

Streit zwischen den Beschäftigten der NW Logistik und deren Geschäftsführung ist nichts Neues. Sprotte, Hölscher und andere Kollegen wehren sich schon seit mehr als zehn Jahren. Anfangs ging es darum, dass die NW Logistik 2004 neue Verträge mit schlechteren Konditionen (20 Prozent weniger Lohn, nur vier Wochen Urlaub) einführte und damit den Grundsatz »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit« aufgab. Einen Tarifvertrag brachten die Parteien nicht zustande. Der Verlag gibt dem Betriebsrat und ver.di die Schuld. Und die wiederum werfen dem Verlag vor, »Scheinverhandlungen« geführt zu haben. Von all diesen Auseinandersetzungen war nie etwas in NW oder dem Westfalen-Blatt zu lesen.
Auch nicht darüber, dass der Betriebsrat im Januar vergangenen Jahres gegen die Verteilung des gerade gegründeten Anzeigenblattes ›Mein Samstag‹ vorging. Die NW hatte darin einen Prospekt eingelegt. Vorher hatten die Zusteller Abo-Zeitungen und den Prospekt ausgetragen. Dadurch hätte auch den Zustellern der NW Logistik der Mindestlohn von 8,50 Euro ab 2015 zugestanden. Beim Anzeigenblatt mit eingelegtem Prospekt meinte das Unternehmen nur den abgesenkten Mindestlohn von 6,38 Euro zahlen zu müssen. Auch der Streit landete vor Gericht und endete mit einem Vergleich. 5,5 Cent pro Anzeigenblatt muss die NW-Logistik jetzt den Zustellern zahlen. »Das entspricht etwa einem Stundenlohn von 16 Euro«, rechnet Hölscher vor. Er freut sich, dass die Unternehmerseite mit der »Trickserei«, wie er es nennt, nicht durchgekommen ist und hat darüber und auch über die anderen Auseinandersetzungen immer wieder geschrieben. Zuletzt in der März-Ausgabe des ›Durchblick‹, der Zeitung des Kreisverbandes DIE LINKE. Diesmal stoppte die NW die Veröffentlichung mit einer einstweiligen Verfügung. »Wir sind es leid, von den immer gleichen Leuten mit falschen Behauptungen diffamiert zu werden, deshalb setzen wir uns jetzt rechtlich gegen Lügen zur Wehr«, poltert Schrotthofer.
Hölscher, Sprotte und viele der noch in der NW Logistik übriggebliebenen Zusteller sehen das anders. »Damit wollen sie uns einen Maulkorb verpassen«, ist sich der Betriebsrat sicher. »Die Liquidation geht einstweilen weiter. Aber wir sind der harte Kern. Hier wird die letzte Schlacht geschlagen.«